Rückblick auf den Auftakt
Zum Start unserer Geschichtsreihe haben wir erzählt, warum 100 Jahre FSV weit mehr sind als Tabellen, Tore und Titel – und warum die von Lothar Palloch zusammengetragenen Erinnerungen und Aufzeichnungen heute eine so wichtige Grundlage dafür bilden, diese Geschichte überhaupt erzählen zu können.
Nun beginnt unsere Reise durch ein Jahrhundert Vereinsgeschichte.
Im Mai 1926 nahm alles seinen Anfang
Heute gehören Fußballplätze, Umkleidekabinen, Trainingsmaterial und organisierte Fahrten zu Auswärtsspielen ganz selbstverständlich zu einem Vereinsleben.
Als die Geschichte des späteren FSV Straubing im Jahr 1926 begann, sah die Fußballwelt völlig anders aus.
Es gab keine eigene Sportanlage. Keine modernen Kabinen. Keine Vereinsbusse. Und selbstverständlich auch keine Infrastruktur, wie wir sie heute kennen.
Was es aber gab, waren Menschen, die Fußball spielen wollten.
Und einige von ihnen beschlossen im Mai 1926, aus ihrer gemeinsamen Leidenschaft etwas Dauerhaftes zu machen.
Auf den Hagenwiesen vor den Toren Straubings entstand die „Freie Spielvereinigung Straubing“ – der Ursprung des späteren FSV Straubing 1926 e.V.
Damit begann eine Geschichte, von der damals niemand wissen konnte, dass sie auch hundert Jahre später noch weitererzählt werden würde.
Eine Gründung, deren genaue Geschichte teilweise verloren gegangen ist
Gerade bei den ersten Jahren des Vereins gibt es eine Besonderheit.
Die ursprünglichen Vereinsunterlagen aus dieser Zeit existieren heute nicht mehr. Während der Kriegsjahre gingen sämtliche damaligen Dokumente verloren. Deshalb lässt sich beispielsweise kein exakter Gründungstag mehr anhand eines erhaltenen Protokolls feststellen.
Überliefert ist der Mai 1926.
Viele weitere Informationen aus diesen frühen Jahren stammen aus den Erinnerungen früherer Mitglieder, historischen Presseberichten und den später von Lothar Palloch zusammengetragenen Aufzeichnungen.
Gerade deshalb sind diese Geschichten heute so wertvoll.
Sie erzählen nicht nur, wann etwas geschah. Sie vermitteln auch ein Gefühl dafür, unter welchen Bedingungen die ersten Generationen ihren Verein aufgebaut haben.
Fußball war in Straubing noch jung
Fußball gehörte damals längst nicht so selbstverständlich zum Alltag wie heute.
In den historischen Aufzeichnungen wird berichtet, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein junger Pfarrer namens Seitz aus Kirchroth den neuen Sport nach Straubing gebracht haben soll. Einen ersten Fußball habe er von Freunden aus Ulm erhalten.
Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch diese frühen Entwicklungen.
Als sich das gesellschaftliche Leben später wieder normalisierte, nahm auch die Begeisterung für den Fußball zu.
1926 existierte in Straubing bereits der FC Straubing. Gleichzeitig gab es zahlreiche lose zusammengeschlossene Mannschaften. Namen wie Teutonia, Donaustrand, VfR, Platzl, Gstütt, Kagers oder eine Mannschaft aus dem Umfeld des Café Ring tauchen in den Überlieferungen auf.
Fußball wurde gespielt.
Aber vieles geschah noch ohne die festen Vereinsstrukturen, die wir heute kennen.
Aus genau diesem Umfeld entstand der Wunsch, eine weitere organisierte Fußballgemeinschaft zu gründen.
Die Hagenwiesen werden zur ersten Heimat
Ein eigenes Vereinsgelände konnte sich die junge Gemeinschaft nicht leisten.
Also musste improvisiert werden.
Mit Stangen und Holzlatten machten sich die Spieler auf den Weg zu den Hagenwiesen. Dort wurden vor den Spielen die Tore aufgebaut – und anschließend wieder abgebaut.
Die Viehweiden auf dem Hagen wurden damit zur ersten sportlichen Heimat des jungen Vereins.
Dort, wo heute das Gäubodenvolksfest stattfindet, begann die Fußballgeschichte des FSV.
Vielleicht kann man sich heute kaum noch vorstellen, wie einfach die Bedingungen damals waren.
Kein Stadion.
Keine dauerhaft markierte Spielfläche.
Keine festen Tore.
Und trotzdem wurde Fußball gespielt.
Denn wenn etwas fehlte, wurde eben improvisiert.
Diese Haltung sollte sich später noch mehrfach durch die Geschichte des FSV ziehen.
Eine Bretterhütte als erste Umkleide
Auch eine Umkleidekabine gab es zunächst nicht.
Der Vater der beiden Gründungsmitglieder Sepp und Heinrich Ertl half schließlich weiter. Aus alten Brettern baute er eine kleine Hütte, die den Spielern als erste Umkleidemöglichkeit diente.
Eigentlich ist diese kleine Geschichte sinnbildlich für vieles, was den Verein in den folgenden hundert Jahren immer wieder auszeichnen sollte:
Wenn etwas gebraucht wurde, wartete man nicht darauf, dass es jemand anderes erledigt. Man packte gemeinsam an.
Viele Jahrzehnte später würden Vereinsmitglieder tausende Arbeitsstunden in den Bau einer eigenen Sportanlage investieren.
1926 begann dieser Geist im wesentlich kleineren Maßstab – mit einer selbst gezimmerten Hütte auf einer Wiese.
Das erste Vereinslokal
Zu einem Verein gehörte damals nicht nur der Fußballplatz.
Mindestens ebenso wichtig war ein Ort, an dem man sich traf, diskutierte, organisierte und gemeinsam Zeit verbrachte.
Das erste überlieferte Clublokal war die Gaststätte „Barmherzige Brüder“ in der Petersgasse.
Dort kamen Spieler, Verantwortliche und Freunde der jungen Gemeinschaft zusammen.
Gespielt wurde zunächst am Hagen hinter der damaligen Schießstätte, später zeitweise auch auf dem alten Schießplatz am Peterswöhrd.
Bereits in diesen frühen Jahren zeigt sich damit etwas, das Vereinsleben bis heute prägt:
Ein Fußballverein besteht nicht nur aus den 90 Minuten auf dem Platz.
Er entsteht auch aus den Stunden davor und danach.
Mit dem Fahrrad zum Auswärtsspiel
Besonders anschaulich wird der Unterschied zur heutigen Zeit bei den Auswärtsspielen.
Die meisten Fahrten absolvierten die Spieler mit dem Fahrrad.
War die Entfernung größer, wurde gelegentlich auf eine noch ungewöhnlichere Transportmöglichkeit zurückgegriffen: Ein Vereinsmitglied stellte einen Viehtransporter zur Verfügung.
In der späteren Festrede wird dieser Wagen Albert Brandl zugeschrieben. Die ältere Chronik spricht allgemeiner von einem Vereinsmitglied.
Private Autos oder Omnibusse standen nicht selbstverständlich zur Verfügung.
Wer ein Auswärtsspiel bestreiten wollte, benötigte deshalb nicht nur Kondition auf dem Fußballplatz.
Schon die Anreise verlangte Zeit, Ausdauer und eine gehörige Portion Begeisterung.
Der Weg zum Spiel war Teil des gemeinsamen Erlebnisses.
Die Menschen hinter dem Anfang
Eine hundertjährige Geschichte beginnt nie mit Gebäuden oder Vereinsnamen.
Sie beginnt mit Menschen.
Die historischen Aufzeichnungen nennen eine ganze Reihe von Männern, die in den Gründungsjahren und während der ersten Entwicklungsphase Verantwortung übernahmen.
Dazu gehörten unter anderem Hans Schmid, Ludwig Holzer, Toni Maier und Albert Brandl.
Weitere überlieferte Namen sind Hans Pregler, Sepp und Heinrich Ertl, Josef Wagner, Franz Fuchssteiner, Richard Schuß, Alois Kolbeck, Hans Laberer, Karl Pfeiffer, Sebastian Walchshäusl und Harras Listl.
Bei einigen Funktionen und zeitlichen Zuordnungen lässt sich heute aufgrund der verlorenen Originalunterlagen nicht mehr jedes Detail zweifelsfrei rekonstruieren.
Aber eines ist deutlich:
Diese Männer gehörten zu jener ersten Generation, die aus einer gemeinsamen Begeisterung eine Gemeinschaft entstehen ließ.
Sie organisierten Spielmöglichkeiten.
Sie stellten Tore auf.
Sie kümmerten sich um Fahrten.
Und sie sorgten dafür, dass die junge Vereinigung bestehen blieb.
1930 folgt der erste sportliche Erfolg
Nur wenige Jahre nach der Gründung konnte die junge Gemeinschaft bereits einen ersten größeren Erfolg feiern.
Im Jahr 1930 gewann die Mannschaft unter dem Namen Teutonia Straubing die Meisterschaft der B-Klasse.
Die Chronik bezeichnet diesen Titel als erste Meisterschaft des jungen Vereins.
Doch auch die verschiedenen Vereins- und Mannschaftsnamen zeigen, dass die Anfangsjahre keineswegs geradlinig verliefen.
Aus der Freien Spielvereinigung entwickelte sich eine Geschichte mit mehreren organisatorischen Veränderungen.
Und schon wenige Jahre später sollte die Politik tief in das Vereinsleben eingreifen.
Aus wenigen Fußballbegeisterten wird eine hundertjährige Geschichte
Wenn wir heute auf das Jahr 1926 zurückblicken, wirken viele Dinge beinahe unglaublich weit entfernt.
Tore, die vor jedem Spiel erst aufgestellt werden mussten.
Eine Bretterhütte als Umkleide.
Fahrräder für die Fahrt zum Gegner.
Und trotzdem entstand genau unter diesen Bedingungen etwas, das ein Jahrhundert überdauern sollte.
Der Name des Vereins änderte sich.
Die Spielstätten änderten sich.
Generationen kamen und gingen.
Kriege, politische Veränderungen, sportliche Rückschläge und organisatorische Herausforderungen sollten folgen.
Aber eines blieb immer wieder erhalten:
die Bereitschaft von Menschen, gemeinsam Verantwortung für ihren Verein zu übernehmen.
Auf den Hagenwiesen wurde 1926 deshalb nicht nur Fußball gespielt.
Dort wurde der Grundstein für eine Geschichte gelegt, die bis heute weiterlebt.
In der nächsten Folge
Folge 2: Zwischen Verbot, Neubeginn und Kriegsjahren – 1933 bis 1945
Nur wenige Jahre nach dem ersten sportlichen Erfolg veränderten die politischen Entwicklungen Deutschlands auch das Leben der jungen Fußballgemeinschaft.
1933 musste die Freie Spielvereinigung Straubing aus politischen Gründen aufgelöst werden.
Doch die Fußballer fanden einen Weg weiterzumachen.
Unter dem Namen Teutonia Straubing, später gemeinsam mit dem Reichsbahn Turn- und Sportverein, begann ein neues Kapitel – bis der Zweite Weltkrieg auch den Fußball zum Stillstand brachte.
Nächsten Mittwoch erzählen wir, wie der junge Verein durch eine der schwierigsten Epochen seiner Geschichte ging.